Elektromobilität: Neue Risiken und Schadenszenarien entstehen

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Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch, allerdings werden sich in der Übergangsphase die Risiken für Hersteller, Zulieferer und Versicherer grundlegend verändern. Auch wird mit erheblichen Auswirkungen auf die Produkthaftpflichtversicherung in der Automobilbranche zu rechnen sein.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine die Studie „The Electric Vehicles Revevolution: Future Risk And Insurance Implications“ des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS).

Viele Prognosen bestätigen, dass die Nutzung von Elektroautos in den kommenden Jahren sprunghaft ansteigen wird. Zwar könnte die Coronavirus-Pandemie die Aussichten für den weltweiten Verkauf von Elektroautos in diesem Jahr dämpfen, aber das erwartete langfristige Wachstum wird anhalten und eine Reihe von technischen und betrieblichen Risiken mit sich bringen wie auch Herausforderungen für die Produkthaftung.

Zu den Herausforderungen, die der steigende Anteil von Elektroautos mit sich bringt, zählen laut Daphne Ricken, Senior Underwriter Liability bei AGCS, potenzielle Produktmängel und mangelnde Batteriereichweite, teurere Reparaturkosten und neue Brand- und Cybergefahren. Zudem könnte sich die nachhaltige Beschaffung und Entsorgung kritischer Komponenten und Rohstoffen für Batterien zum reputationsrelevanten Thema entwickeln.

Sicherheit, Reparaturen und Brandgefahr

Crash-Tests, die das Allianz Zentrum für Technik Automotive durchgeführte, haben gezeigt, dass die Hochspannungskomponenten von Elektroautos gut geschützt sind und bei den meisten Unfällen nicht beeinträchtigt werden. Die statistische Auswertung von Allianz Kfz-Schadenfällen zeigt, dass Elektrofahrzeuge bislang seltener in Unfälle verwickelt sind. Sie fahren typischerweise kurze Strecken mit insgesamt geringerer Kilometerleistung. Wenn allerdings Schäden entstehen, sind diese im Durchschnitt teurer als bei konventionellen Autos.

Batterielebensdauer und -leistung sind kritische Erfolgsfaktoren für Elektroautos. Werden die Leistungsgarantien nicht erfüllt, stellt sich die Frage nach der Haftung von Herstellern und Zulieferern für die hohen anfallenden Kosten für die Reparatur oder den Austausch von Batterieeinheiten.

Carsten Reinkemeyer, Leiter Fahrzeugtechnik und Sicherheitsforschung im AZT Automotive, sagt:

„Wenn die Batterie in einem Elektroauto ersetzt werden muss, kann dies in vielen Fällen einen Totalschaden bedeuten. Außerdem können die Reparaturen meist nur in spezialisierten Werkstätten ausgeführt werden und sind damit teurer.“

Wie bei konventionellen Fahrzeugen können defekte elektrische Komponenten und Kurzschlüsse einen Brand auslösen. Zudem können Lithium-Ionen-Batterien bei Beschädigung, Überladung oder hohen Temperaturen in Flammen aufgehen. Brände von Hochspannungsbatterien können sehr stark und schwer zu löschen sein und auch hohe Mengen an giftigen Gasen freisetzen – es kann 24 Stunden oder länger dauern, bis solche Brände unter Kontrolle sind. Bisher sind Brände von Autobatterien relativ selten, weshalb Einsatz- und Rettungsdienste nur begrenzte Erfahrungen vorweisen können.

Umweltprobleme und Reputationsrisiken

Eine rasche Verbreitung von Elektroautos würde den Bedarf an knappen Materialien und Rohstoffen wie Kobalt und Lithium steigern. So könnte sich die Lithiumförderung Prognosen zufolge bis 2025 verdreifachen. Ein effektives Recycling und die Wiederverwendung von Rohstoffen werden daher von entscheidender Bedeutung sein.

Zudem werden die Hersteller daran gemessen werden, wie umweltschonend und sozialverträglich sie die knappen Rohstoffe beschaffen. Auch die Rückverfolgbarkeit und Transparenz der Lieferketten wird stärker in den Vordergrund rücken.

Nicht zuletzt könnten die Hochspannungsbatterien selbst Umweltverschmutzung verursachen, wenn sie nicht ordnungsgemäß entsorgt werden.

Produktmängel und -rückrufe sowie Cyberrisiken

Die Kombination aus neuer Technologie, kurzen Entwicklungszyklen und der Verbreitung des neuen 3D/4D-Druck in der Produktion könnte zu einer Zunahme von Produktdefekten und Qualitätsproblemen führen. Dies könnte Produktrückrufe in der Automobilindustrie auslösen, die laut AGCS-Schadenanalyse im Branchenvergleich ohnehin zu den größten und komplexesten Rückrufen zählen.

Künftig werden in Elektroautos verstärkt Connectivity-Systeme, Sensoren und Software, einschließlich künstlicher Intelligenz, zum Einsatz kommen. Wie bei auch bei modernen konventionellen Fahrzeugen gehen mehr Vernetzung und Digitalisierung einher mit höheren Cyber-Schwachstellen, die Angriffe, Systemausfälle, Bugs und Störungen ermöglichen. Es gab bereits erste Produktrückrufe im Automobilsektor aus Gründer der Cybersicherheit.

Komplexere Klärung der Haftung

Durch die Elektromobilität wird es viele Auswirkungen auf Versicherungslösungen – insbesondere die Produkthaftpflicht – und Schadenszenarien geben, weil die Technologie neue Risiken schafft und sich die Haftung innerhalb der Lieferkette verschiebt. Die zunehmende Komplexität der Automobil-Lieferkette und die Abhängigkeit von Software- und Technologieherstellern könnte zu neuen Risiken und geteilten Haftungen in der automobilen Wertschöpfungskette führen.

Daphne Ricken erklärt:

„Elektrofahrzeuge werden aus weniger, aber stärker integrierten Teilen und Komponenten bestehen. Was in einem konventionellen Auto drei Teile sind, kann in einem Elektroauto nur noch ein einziges Bauteil sein. Die geringere Anzahl der Bauteile wird jedoch zunehmend durch Sensorik und Software vernetzt. Das fügt eine neue Ebene der Komplexität hinzu und wirft Fragen auf, wie diese Teile zusammenwirken und welcher Hersteller oder Lieferant für einen potenziellen Defekt oder eine Fehlsteuerung haften müsste.“

Die mit Hochspannungsbatterien verbundenen Brand- und Explosionsrisiken könnten zu Ansprüchen für Sachversicherer führen. Insbesondere dann, wenn mehrere Autos in Tiefgaragen aufgeladen werden.

Die Versicherer können auch mit einem potenziellen Anstieg von Produktrückrufen und Haftungsansprüchen aufgrund neuer Technologien, integrierter Bauteile, schnellerer Entwicklungszeiten und kürzerer Testzeiten rechnen. Auch als Arbeitgeber könnten Unternehmen mit potenziellen Haftungsrisiken konfrontiert werden, wenn sie Mitarbeiter nicht angemessen schützen – beispielsweise vor giftigen Dämpfen und Brandgefahren beim 3D-Druck oder Feuer- und Kontaminationsgefahren im Umgang mit Lithiumbatterien.

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