Import von medizinischem Fachpersonal

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Der Fachkräftemangel beherrscht in Deutschland bereits seit geraumer Zeit die Schlagzeilen. Doch erst durch Corona hat sich in der breiten Bevölkerung ein Bewusstsein dafür gebildet, dass der Fachkräftemangel auch im Gesundheitswesen angekommen ist. Und das schon lange vor der Pandemie! Sowohl in der Pflege als auch in der Ärzteschaft liegt ein klarer Mangel an deutschen Fachkräften vor.

Ein Beitrag von Alexander Reis, Finanzexperte für die Finanz- und Wirtschaftsberatung von Ärzten

Fakt ist: Diese Entwicklungen sind nicht neu! Insofern wirkt auch die Debatte, ob medizinisches Fachpersonal aus dem Ausland eine valide Lösung ist oder nicht, auf Insider reichlich befremdlich. Denn Sie wissen, dass unser Gesundheitssystem ohne diese besagten Kräfte schon schon seit Jahren nicht mehr tragbar wäre. Die Zahlen sind da denkbar eindeutig.

Falschen Stolz können wir uns nicht leisten

Es ist zweifelsohne vollkommen richtig, dass die Versorgung der Kranken, der Verwundeten und der Alten eine hoheitliche Aufgabe ist. Ihre Bewältigung sagt viel über ein Land, dessen Ethos und den dortigen Lebensstandard aus. Insofern wäre es natürlich absolut wünschenswert, wenn sich die Fachkräfte, die diese enorme Verantwortung tragen, in ausreichendem Maße aus dem nationalen Pool rekrutieren würden. Doch das ist hierzulande schon lange ein frommer Wunsch.

Um dies zu erkennen, reicht der Blick auf die Ärzteschaft in Deutschland. Diese greift mittlerweile auf über 56.000 Ärzte und Ärztinnen aus dem Ausland zurück! Das sind rund fünfmal so viele ausländische Ärzte und Ärztinnen, wie es noch Mitte der 90er waren. Die meisten davon arbeiten in Krankenhäusern. Das heißt, dass mehr als ein Achtel sämtlicher berufstätiger Ärzte und Ärztinnen in Deutschland aus dem Ausland kommt! Ohne dieses gewaltige Kontingent könnten viele Planstellen nicht oder nur sehr umständlich besetzt werden.

In der Pflege ist es noch eindeutiger

Noch krasser ist die Situation in der Pflege. Dort kommen bereits über 200.000 Kräfte aus dem Ausland. Und das eingedenk der Tatsache, dass dennoch (bis 2030) schätzungsweise 180.000 Pflegestellen „fehlen“ (sprich: voraussichtlich nicht neu besetzt werden können), wenn sich die bisherigen Trends nicht umkehren lassen. Und das unter dem Eindruck einer zunehmend überalternden Demografie.

Wie konnte es soweit kommen? Das ist die Kardinalfrage! Denn es wirkt auf den ersten Blick absurd. Sowohl Ärzte und Ärztinnen als auch Pflegekräfte üben Berufe aus, die zwar zweifelsohne psychisch fordernd sowie inhaltlich und sozial anspruchsvoll sind, aber gerade deswegen in hohem gesellschaftlichen Ansehen stehen. Das Problem ist, dass wir es als Gesellschaft zugelassen haben, dass dieses Ansehen zu einem weitgehenden Lippenbekenntnis verkommen ist. Das symbolische aber inkonsequente Beklatschen zu Beginn der Corona-Pandemie und die desillusionierten Reaktionen darauf haben diesbezüglich tief blicken lassen.

Kaputt gespart?

Oftmals wird die Vermutung geäußert, das deutsche Gesundheitssystem wäre „kaputt gespart“ worden. Doch das ist zu undifferenziert. Die Krankenversicherungen tragen nach wie vor mit immensen Ausgaben das Gesundheitssystem. Und ihre Ausgaben sind gewiss nicht kleiner geworden. Als problematisch hat sich eher erwiesen, dass im Zuge der umfassenden Privatisierungen im Bereich der Krankenversorgung sukzessive an den falschen Stellen gespart wurde.

Und hierbei ist „Stellen“ als Schlüsselwort zu verstehen. Denn gleichwohl unsere Gesellschaft immer weiter überaltert ist, wurden in vielen Bereichen Stellen abgebaut. Getreu dem privatwirtschaftlichen Paradigma: „So viel wie nötig aber so wenig wie möglich.“

So schulterten einzelne Ärzte und Ärztinnen sowie einzelne Pflegekräfte sukzessive immer mehr Patienten pro Kopf. Ihr Dienst wurde hektischer und die in diesem Bereich so wichtige zwischenmenschliche Dimension, mit der von Seiten der Behandler ja auch ein großer Idealismus einhergeht, wurde immer weiter kompromittiert. Was bleibt, mag zwar handwerklich betrachtet „effizient“ sein. Aber das ist kein Leitstern, nach dem man personell die Krankenversorgung ausrichten sollte. Doch genau das ist, schleichend sowie konsequent, über Jahre hinweg passiert. Selbst in den Gesundheitsämtern wurden, vor Corona, immer mehr Stellen abgebaut.

Ein schweres Imageproblem

Folglich wurden Berufsfelder, die zwischenmenschlich und psychisch sowieso schon nicht einfach sind, mit immer mehr Hektik überfrachtet. Einfach weil es auf dem Papier den schwarzen Zahlen dienlich war. Doch die Berufsrealität, die damit geschaffen wird, ist fatal! Aus dem freundlichen und Mut zuredenden Wort an den Patienten wird ein hektisch gehauchtes „Ich komme gleich!“ Wann auch immer „gleich“ dann letztlich ist.

Und das ist, was den für diese Berufsfelder so wichtigen menschlichen Aspekt angeht, sowohl aus Sicht der Behandler als auch der Patienten, absolut desaströs. Es hat dazu geführt, dass insbesondere in der Pflege etliche ihre Beruf vorab an den Nagel hängen oder in ambulante Bereiche wechseln, wo sie wieder ein Stück Herrschaft über das eigene Zeitmanagement gewinnen.

Vor allem aber: Sowohl Ärzte und Ärztinnen als auch Krankenpflegekräfte reden darüber. Schon lange! Was bekommt jeder mit? Stress und Ernüchterung pur! Insbesondere die Patienten, die es am eigenen Leib erfahren und direkt an der Quelle ihre Eindrücke gewinnen.

Insofern ist der Imageschaden, der immer mehr Menschen dazu bewogen hat, einen gesellschaftlich hoch angesehen Berufszweig NICHT zu erwägen, nur folgerichtig. Solange an diesen Missständen nicht ursächlich angesetzt wird, werden wir auch weiterhin auf ausländische Fachkräfte im Gesundheitswesen angewiesen sein. Tendenz steigend!

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